Das Totenreich


Gerechtigkeit hat mich dem Nichts entrissen;
Mich schuf die Kraft, die sich durch alles breitet,
Die erste Liebe und das höchste Wissen.

Vor mir ward nichts Geschaffenes bereitet,
Nur ewiges Sein, so wie ich ewig bin:
Lasst jede Hoffnung, die ihr mich durchschreitet.
Dorthin wo nichts mehr leuchtet in der Nacht.

Dante Alighieri, Die göttliche Komödie

 

Um kaum einen anderen Ort Rohas ranken sich so viele Legenden wie um Sithechs Hallen, jenen Ort, an den die Seelen der Toten wandern, wenn sie die Welt verlassen. Aêyoliria, die ewige Stille, nennen die Elben das Totenreich, bei den Zwergen heißt es "Die Hallen des Vermummten", die Menschen haben zahllose Namen für den Ort, an den ihre Seelen nach dem Tod wandern. Die meisten Gelehrten sind der Auffassung, das Totenreich liege tief im Leib Rohas geborgen, einige wenige vertreten auch die Theorie, Sithechs Hallen seien wie die Andernwelt eine Sphärenwelt für sich, vielleicht sogar auf  dem hohem Gestirn des Gottes von Winter und Tod, auf Timaios. Eine Legende kündet davon, der einzige Zugang zum Totenreich, ganz gleich wo es letztlich sei, liege an einem der unzugänglichsten, geheimnisvollsten Orte Rohas, am Grund des Ginnungagap, der tiefsten Schlucht der Immerlande hoch im Norden. Doch wer würde sich dorthin wagen, an den Nordrand des himmelstürmenden Wolkenthrons, um am Fuß des gewaltigen Zornstein zahllose Tausendschritt tief in eisiger Kälte auf den lichtlosen Grund der ungeheuren Klamm hinab zu steigen, um dort vielleicht ein Tor zu finden? Nur eines ist gewiss - der Tod führt in Sithechs Hallen und von dort gibt es kein Zurück.

Wann immer auf Roha Leben endet, gelangen die Seelen der Toten, der Sterblichen, wie der Unsterblichen, an den Gestaden der Purpurnen Flüsse, die das Totenreich umfließen, um von Kyrom Purpurtod, einem Archon Sithechs, übergesetzt zu werden. Eine Seele vermag eine Weile an den Ufern zu verbleiben, weil die Bande zur Welt der Lebenden noch zu stark sind, weil sie auf jemanden wartet oder Kyrom es so bestimmt, aber letztlich überqueren alle Toten die Purpurnen Flüsse und kehren ein in Sithechs Hallen. Doch nur die Sterblichen dürfen, wenn ihre Zeit der Prüfung, Läuterung und Buße vorüber ist, das Totenreich mit den Weißen Schiffen verlassen und über das Unendliche Meer in die Andernwelt segeln, um dort für immer unter Göttern und Seharim zu leben. Die Unsterblichen dagegen sind mit ihren Seelen und ihrem ganzen Sein an die Kreise der Welt gebunden, auch über ihren Tod hinaus, das ist der Preis den sie für ihr langes Leben zahlen. Sie wandeln im grauen Dämmer der Hallen des Totengottes, bis ihre Seelen zur Ruhe gekommen sind und das Ende aller Zeiten naht. Wer Buße zu tun hat, wer in die Andernwelt segeln darf und auch, wer solche Schuld auf sich geladen hat, dass ihm keine Gnade mehr zuteil werden kann, sondern nur noch die Verdammnis der Neun Höllen auf ihn wartet, liegt allein in Sithechs Ermessen. Er richtet über die Toten, wenn sie zu ihm kommen, blickt in ihre Seelen und bis auf den tiefsten Grund ihres Seins und fällt sein Urteil.