~ Die Neun Höllen  oder der dunkle Bauch der Welt ~

 

Darum lasst uns den Beistand aller Zwölf erbitten angesichts dieser schweren Stunden. Qum'Ran ist gefallen und bald wird wohl die ganze Welt von den Massen abscheulicher und entstellter Kreaturen verschlungen. Wie Ungeziefer kriechen sie in einem nicht enden wollenden Strom aus dem Tor der Hölle und sie zerstören alles, was uns heilig ist.

Aus den persönlichen Aufzeichnungen des Lavenrak von Ildala, einem Priester des Lyr, nach dem Fall Qum'Rans im Vierten Zeitalter

Unmittelbar nachdem Roha geformt war und die Welt ihre ersten unbeschwerten Tage erlebte, noch in der Zeit der endenden Nacht, da muss es sich ereignet haben, dass der Dunkle seine Kammern im Bauch der Welt anlegte. Während sein Bruder Shenrah, der Goldene, sich mit den anderen elf Göttern und ihrem Gefolge auf den Himmelsinseln niederließ, begann der Dunkle im fernen Osten Rohas in die Tiefe zu graben. Dort entstand sein Königreich, unentdeckt von den Zwölf, und dort errichtete er seinen schwarzen Thronsaal. In der Tiefe schuf er die Ältesten Dämonen, vier an der Zahl, mächtige Wesen und loyale Getreue ihres Herrn. Dies gilt als eine seiner schlimmsten Taten. Auf sie ging ein Teil seiner göttlichen Macht über und er übertrug jedem die Herrschaft über ein eigenes Reich der Unterwelt - so entstand der Ort, den man die Neun Höllen nennt. 

Die Neun Höllen sind allen Bewohnern Rohas ein Begriff. Von den Stämmen des eisigen Barsas und den Barbaren der kalten Ebenen Immerfrosts über die verborgenen Orte der Amazonen des großen Dunkelwaldes hinab zum Herz des Kontinents, dem Ildorel und seinen Uferstädten, bis hin zu den weiten Wüsten des Südens und den grünen Dschungeln der Sommerinseln haben die Völker der Immerlande Worte für den tiefen Schlund der Erde und die trügerische Bettstatt des Namenlosen. Manche der Geschichten, die man leise wispert, sind vielerorts dieselben, gleich in welcher Sprache sie erzählt werden oder niedergeschrieben wurden. Andere wiederum sind Abwandlungen, Neufassungen oder eigene Erzählungen. Tatsache ist, dass allen Beschreibungen zum Trotz kein Geschöpf der Oberwelt je mehr als das Schattenland, die zweite der neun Ebenen der Hölle, zu Gesicht bekommen hat und zurückgekehrt ist. Ob mancher, der im Irrwitz und im Wahn in die Tiefen gestiegen ist, mehr gesehen hat, als das Schattenland, mag möglich sein, doch wurde er alsbald von den Dämonen getötet oder nahm sich selbst das Leben. Nur von einem ist überliefert, dass er die Höllen vollständig durchquerte, wenngleich auch er den Ort nicht lebend verließ. Es war Sethenes der Schattenwanderer, der mit Hilfe der Ältesten Dämonen bis in die Kammer des Einen hinab stieg, und ihn mit dem blasphemischsten Ritual, das je vollzogen wurde, zu erwecken versuchte. Dies war am Ende des Vierten Zeitalters und schlug fehl, und die Erschütterungen, welche die Welt erfassten, änderten das Gesicht der Immerlande für immer.


Doch auch von den anderen sieben Ebenen haben die Völker bildliche Vorstellungen. Diese gehen auf die uralten Schriften der Gelehrten der Zentauren und Menschen zurück, die schon früh das Grauen umrissen, das im dunklen Bauch der Welt, wie man die Höllen auch zu nennen pflegt, lauert. Woher die Gelehrten die Gewissheit über Wesen und Beschaffenheit der Höllen nahmen, kann nicht geklärt werden. Bekannt ist hingegen, dass mancher Schattenwanderer zu späterer Zeit diese Beschreibungen in seinen Aufzeichnungen bestätigt hat. Denn seitdem die abscheuliche Magie der Dämonenbeschwörung angewandt wird, haben die Beschwörer die herbeigerufenen Kreaturen nicht zuletzt nach dem Ort befragt, von dem sie kommen. Andere Schattenwanderer wiederum wollten dorthin von ihrem vermeintlich gezähmten Dämon mitgenommen werden – ein Fehler, wie man sich denken kann...


Zu stimmen scheint in jedem Fall, dass die Welt des Dunkeln sich in neun Ebenen oder Bereiche zerteilt, deren erste vier zumindest auch geographisch in die Tiefe der Welt reichen und untereinander angeordnet sind. Die erste Ebene ist das so genannte Unterreich, welches oft mit der ganzen Hölle gleichgesetzt wird, jedoch nur ein – sehr harmloser - Teil davon ist. Das Unterreich ist die Heimat der Fro'gar, auch Dunkelzwerge genannt, und der Shasad'ya, der Schlangenelben. Sie haben hier ihre Städte. Die Ebenen drei bis vier liegen darunter und tiefer in der Erde. Sie sind, so sagt man, allesamt durchgängig miteinander verbunden. Die vierte Ebene ist die Wüste von Comxoriz und Ort der drei großen Dämonenstädte. Sie endet in einer großen dunklen Schlucht, dem letzten Abgrund der Welt. Darinnen muss das Tor zu den kommenden Ebenen liegen, die Knochenpforte, doch hat es nie jemand gesehen und die Gelehrten wissen wenig von diesem Ort. Hinter der Knochenpforte beginnen die so genannten vier Reiche des Schmerzes, die Heimatebenen der vier Ältesten Dämonen, neben den Archonen die treuesten Diener des Einen. Jeder Ebene ist ein Element zugedacht, das sich dort seiner natürlichen Beschaffenheit entzieht und ins Grausame und Wahnsinnige verkehrt.


Die Anordnung der vier Reiche des Schmerzes variiert in manchen Schriften, doch sie scheinen unendlich groß zu sein oder sich immer zu wiederholen. Sie besitzen weder Ein- noch Ausgang, und sind losgelöst von der Welt, denn hier gilt kein Gesetz mehr und das Chaos greift um sich. Bei den vier Reichen des Schmerzes beginnt die eigentliche Welt des Namenlosen, denn hier hat er alles nach seinem Willen gestaltet und somit ist sein Reich auch ein Ausblick darauf, wie die Welt sein könnte, wenn er jemals erwachen und sich Roha untertan machen sollte. Ein Streit der Gelehrten, ob sich die vier Reiche tatsächlich im Bauch der Welt befinden würden oder losgelöste Orte des Göttlichen seien, die man mit normalen Maßstäben nicht erfassen könne, scheint wenig ergiebig zu sein. Die letzte Hölle trägt viele Namen und keinen davon spricht man leichtfertig aus, denn das bloße Denken an diesen Ort verursacht manchen Geschöpfen Schmerzen. Es ist die letzte Kammer, der fleischgewordene Verlust alles Guten und Schönen. Es ist die Thronhalle des Namenlosen, die Schlafstätte des Verlorenen, das Herz des Herzlosen.